Wanderung nach San Pedro

28. Dezember 2025

In der Woche vor Weihnachten bin ich mit Karl-Heinz, einem Schulfreund aus der Abiturklasse in Hildesheim, und seiner Frau nach San Pedro gewandert. Sie waren für zwei Wochen nach Teneriffa gekommen. Es war die erste Wanderung, seit wir (diesmal später als sonst) auf der Insel sind.

Wanderung von Romantica I nach San Pedro

6 Kilometer, 180 Höhenmeter

Ausschnitt  Rambla de Castro

Am Wochenende davor hatte es drei Tage sehr stark geregnet. Darum sind wir auch nicht, wie zunächst beabsichtigt, den Barranco Ruiz Weg (und weiter nach Juan de la Rambla und Las Aguas) gegangen. Die Gefahr, dass durch die Wassermassen viel Geröll auf den Weg am Barranco geschoben wurde und dass der Abstieg nach Juan de la Rambla sehr glitschig sein konnte, hat uns von der sonst als Einstiegs-Wanderung sehr schönen Tour abgehalten.

Die Wanderung nach San Pedro sind wir auf einer gekürzten Wegstrecke gegangen. Sonst sind wir von La Paz bis zum ehemaligen Maritim-Hotel und dahinter auf den Wanderweg nach La Paz gegangen, der hier am Mirador Burgado beginnt. Der erste Wegabschnitt entlang der Playa de los Roques ist sehr schön, aber schon seit Jahren wegen Steinschlag-Gefahr gesperrt. Richtig zu sehen war die Gefahrenquelle allerdings nie, und so haben viele Wanderer die Absperrung umgangen und sind trotzdem den Küstenweg bis zur Feriensiedlung Romantica II gegangen (der offizielle neue Wanderweg ist am Rand des Ortsteils El Toscal auf wenig interessanten Dorfstraßen ausgewiesen). Angesichts des massiven Regenereignisses wollte ich ein dadurch vielleicht erhöhtes Abbruchrisiko nicht eingehen und habe als Einstieg für unsere Wanderung den westlichen Rand der Romantica II Siedlung gewählt, an dem der Wanderweg „Sendero Rambla de Castro“, unser Weg nach San Pedro, beginnt. Das Auto haben wir in der Siedlung geparkt.

Die Bucht Playa de los Roques
(Foto einer früheren Wanderung)

Die Feriensiedlungen Romantica I und Romantica II wurden in den 1970er Jahren gebaut. Sie gehören zu dem Stadtteil Toscal-Longuera von Los Realejos.

Unser Ziel ist der Aussichtspunkt Mirador San Pedro mit einem kanarischen Restaurant, in dem wir bei früheren Wanderungen schon öfter waren. San Pedro liegt oberhalb der ehemaligen Hacienda de Castro.

Beginn der Wanderung am Rand von Romantica I.
Blick auf die Küste
mit der Rambla de Castro im Bildmittelpunkt.

Der Wanderweg verläuft oberhalb der Küste mit Blick auf die Bucht Callado de Mendéz. Landeinwärts begleiten aufgegebene Bananenplantagen den Weg. Dann umgeht der Weg die schon etwas älteren Häuser der Feriensiedlung Romantica I und führt durch den ersten zu querenden Barranco, den Barranco de la Calera (Barranco de Gordejuela). Unten am Ufer ist die Ruine von Gordejuela (1) zu sehen.

An der Küste die Ruine Gordejuela.
Am Ende der Bucht Rambla de Castro.

Es ist die Ruine eines zwischen 1904 und 1906 gebauten fünfstöckigen Gebäudes für ein Wasserpumpwerk mit zugehöriger Wohnung für den Maschinisten. Mit einer Kohle betriebenen Dampfmaschine wurde das Wasser der Quelle von La Gordejuela hinauf zur Bewässerung der umliegenden Bananenplantagen gepumpt.  Es war die erste auf Teneriffa betriebene Dampfmaschine. In Auftrag gegeben wurde es von der Handelsfirma Hamilton, die im Bananenhandel aktiv war, deswegen das Gebäude gelegentlich auch als „Casa Hamilton“ bezeichnet wird. Die Anlage wurde jedoch schon nach wenigen Jahrzehnten stillgelegt, da sich der Bananenhandel der Firma Hamilton verschlechterte.

Ein beeindruckender Bau an der Küste
Das Baumaterial musste per Schiff herangeschafft werden
und später die Kohle für die Dampfmaschine.

Am gegenüberliegenden Barranco-Hang ist der abgesperrte Zugang zu dem ehemaligen Pumpenhaus und dahinter ein sehr einsam gelegenes Ferienhaus in einem Casa Rual von 1905, vor einigen Jahren sehr aufwändig renoviert. Es folgt der Abstieg in den nächsten Barranco, Barranco de la Calera (Barranco Godinez) (2), und der Aufstieg zu einem Plateau zwischen der Küste und dem höher gelegenen Ort San Vincente, das wohl zu der Hacienda de Castro gehörte.

Auf dem Plateau nehmen wir den Weg zu dem Fortin de San Fernando (4), das 1809 errichtet wurde. Ein kleines, unscheinbares Haus, das früher als Unterkunft für die Soldaten diente, die die Küste bewachten. Zur Erinnerung sind auf dem Platz drei alte Kanonen aufgestellt.

Das Fort auf einem Felsvorsprung.

Das Fortin de San Fernando gehörte zu den Befestigungsanlagen zum Schutz der Küste vor Überfällen von Piraten.  San Fernando wurde 1809 dem damaligen Besitzer der Hazienda, Augustín de Bethencourt y Castro, errichtet.

Vor uns
San Pedro (links oben), das Herrenhaus der Hazienda (Bildmitte)
und die Playa de Castro (rechts unten).

Der Weg zum Herrenhaus der Hacienda, der Casona (alte Villa) de los Castro (5), ist von kanarischen Palmen gesäumt. Wir gehen durch das Naturschutzgebiet Rambla de Castro. Es sind noch viele einst auf der Hacienda angepflanzte Palmen erhalten. Es ist fruchtbares Land, auf dem erst Zuckerrohr, dann Wein und später Bananen angebaut wurden. Wasser zur Bewässerung der Felder war ausreichend vorhanden. An der Ruine des Wasserpumpwerks Elevador de Aguas de Gordejuela aus Anfang des 2o. Jahrhunderts sind wir vorbeigekommen. Älter ist die Quelle der Hacienda, die Madre de Agua. Sie versorgte das Landgut im 16. Jahrhundert mit Quellwasser.

Die Casona de Castro inmitten von Palmen.

Die Hazienda de Castro wurde Anfang des 16. Jahrhunderts von dem Portugiesen Fernando (Hernando?) de Castro gegründet. Grundlage waren die von dem Teneriffa-Eroberer Alonso Fernández de Lugo vergebenen Land- und Wasserrechte. Die noch erhaltenen Gebäude stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Umgeben waren sie von einer Gartenanlage, die in einigen Strukturen noch zu erkennen ist. Die Gebäude wurden vor Jahren (2012?) umfassend renoviert und sollten ein Umwelt- und Naturzentrum werden. Das ist aber augenscheinlich nicht realisiert worden.

Alonso Fernández de Lugo wurde nach den Eroberungen Gouverneur von La Palma (1493) und von Teneriffa (1496). Von der Kastilischen Krone erhielt er das Recht, die Ländereien im Namen der Krone zu verteilen. Er ist in der Kathedrale von San Cristóbal de La Laguna bestattet.

Zuckerrohr wurde auf der Hacienda und auf der Insel zuerst angebaut. Das war in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Zuckerrohr braucht viel Wasser und zum Auskochen viel Holz. Beides war damals auf der Insel vorhanden. Der Zuckerrohranbau kam zum Erliegen, als die Pflanze auch in Amerika angebaut wurde und Zucker aus Amerika von den europäischen Abnehmerländern preiswerter importiert werden konnte.

In der Folge wurde Wein vor allem auf Teneriffa und La Palma angebaut. Auch damit war es vorbei, als England bedingt durch den Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) auf Portugiesische Weine umstieg. Die Folge war eine Wirtschaftskrise, während der viele Einwohner in die amerikanischen Kolonien Spaniens auswanderten.

Anfang des 18. Jh. regelte ein königlicher Erlass (1718), dass je 100 Tonnen Exportgüter nach Amerika zusätzlich 5 kanarische Familien mit jeweils fünf Mitgliedern mit dem Schiff mitgenommen werden mussten. Damit wollte man eine drohende Übervölkerung der kanarischen Inseln abwenden.  Der Erlass wurde als „Tribute de Sangre“ (Bluttribut) bezeichnet. Diese Zwangsemigration stärkte die spanische Präsenz in seinen Kolonien. Stadtgründungen in Texas (Montevideo und San Antonio) gehen darauf zurück, ebenso die Wiederbevölkerung von Kuba, Puerto Rico und des Mississippi-Deltas.

Eine wirtschaftliche Zwischenepisode bedeutet die Cochinilla-Laus. Diese, aus Mexiko stammende Laus, lieferte den Grundstoff für den natürlichen Farbstoff Karminrot. Die Läuse wurden auf bestimmten Kakteen-Arten gezüchtet. Bei Wanderungen auf Teneriffa sieht man noch heute Kakteen mit diesen Läusen. Zerquetscht man sie, bekommt man die rote Farbe auf die Finger, die nur schwer wieder abzuwaschen ist. Karmin war Mitte des 19. Jh. der wichtigste Exportartikel der Kanaren (auf Teneriffa 90 % des gesamten Exports).  Mit der Erfindung chemischer Farben endete auch dieser Boom. Der Farbstoff Karmin wird noch heute in der Kosmetik (Lippenstifte), für Getränke (Campari) und in der Lebensmittelherstellung (Cheddar-Käse) verwandt. Allerdings kommt der Farbstoff jetzt hauptsächlich aus Mexiko.

 

Ende des 19. Jh. (um 1890) führten u.a. englische Kaufleute den Bananen-Anbau auf den kanarischen Inseln ein.

Wir gehen nach Besuch der Casona de los Castro natürlich zur Madre de Agua (6). Von der einst starken Quelle ist aber nur noch ein kleines Rinnsal übriggeblieben. Wahrscheinlich wurde der Quelle das Wasser in späterer Zeit mit dem Bau der Straße und der Häuser oberhalb der Quelle abgegraben.

Madre de Agua
bzw. was von ihr noch geblieben ist.

Am Weg ein mächtiger Gummibaum
mit seinen beeindruckenden Wurzeln.

Nun gehen wir hinauf nach San Pedro (8). Es sind schon ein paar Höhenmeter Unterschied. Nachdem wir vom Aussichtspunkt (hier standen einmal Tische und Stühle des Restaurants, bis sich die Anwohner unter dem Aussichtspunkt beschwerten. Worüber eigentlich? So viel Lärm haben die Ausflügler dort nicht gemacht.) hinunter zur Küste und auf die Bananenplantagen und die Häuser neben der Hacienda (deren Ursprung vielleicht deren Arbeiterhäuser waren) geschaut haben, kehren wir erst einmal im Restaurant San Pedro ein. Zu der ebenfalls unterhalb des Aussichtsplatzes gelegene Ermita San Pedro gehen wir nicht.


Restaurant San Pedro
(Foto einer früheren Wanderung)

Die Kapelle San Pedro ist verschlossen, jedenfalls war sie es so oft, wie ich dort bei Wanderungen vorbeigeschaut habe. Sie wurde Anfang des 17. Jahrhunderts durch den Besitzer der Hacienda, Pedro de Castro Navarro, an einem Camino Real errichtet.

Caminos Reales waren die Königswege, die nach der Eroberung als Verbindungswege im Auftrag des spanischen Königs gebaut wurden. Sie wurden mit Natursteinen gepflastert und waren so breit, dass zwei beladene Esel aneinander vorbeikamen. Viele Wanderwege auf Teneriffa verlaufen auf einem alten Camino Real.

Danach machen wir uns auf den Rückweg. Zu Fuß. Bei früheren Wanderungen (die dann aber auch am Hotel Maritim bzw. in La Paz begonnen haben), sind wir mit dem Taxi zurück nach Puerto gefahren (man kann auch den Bus ab San Vincente nehmen). Wir gehen zu Fuß zurück, gehen aber nicht wie beim Hinweg an der Casona vorbei, sondern wählen den kürzeren Weg am Bergrand der Rambla unterhalb von San Vincente bis zum Einstieg in den Barranco de la Calera. Dann ist unser Rückweg auf der gleichen Route wie unser Hinweg, bis zum in Romantica I geparkten Auto.

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 Um die Domäne Dahlem

Oktober/November 2025 

Wanderung um die Domäne Dahlem
7 Kilometer

Die Domäne Dahlem, nicht weit von unserer Wohnung an der Drakestraße in Lichterfelde-West entfernt, war heute unser Spaziergang-Ziel. Der Ortsteil Dahlem im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf beginnt nördlich der Straße „Unter den Eichen“. Südlich liegt unser Ortsteil Lichterfelde-West. 

Kohlfeld auf dem Domänengelände

Die Straße Unter den Eichen (1) war der erste moderne Chauseebau im Königreich Preußen. Sie wurde 1792 als Berlin-Potsdamer-Chausee eröffnet und war der Verbindungsweg vom Berliner Stadtschloss zu der neuen Sommerresidenz in Potsdam, dem Marmorpalais. Zwischen dem Potsdamer Tor (heute Potsdamer Platz) und Zehlendorf wurde die Chausee auf der mittelalterlichen Landstraße angelegt. Von Zehlendorf bis Potsdam führte die Trasse dann durch damals noch unbebautes Gebiet. 

Nach dem Ausbau der Straße 1934 wurde sie zwischen dem Potsdamer Platz in Berlin und dem Berliner Tor in Potsdam die Reichsstraße 1 (später B1). 

Die neue Chausee ersetzte den bisherigen Verbindungsweg zwischen Berlin und Potsdam, den Königsweg, den König Friedrich Wilhelm I.  1730 anlegen ließ. Der Königsweg führte schnurgerade von Zehlendorf über Kohlhasenbrück (am Griebnitzsee) nach Potsdam (südlich der neuen Chausee). Es war ein sandiger Weg durch den heutigen Düppeler Forst, der etwa zeitgleich mit dem Ausbau Potsdams zur Garnisonsstadt des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. angelegt wurde. 

Preußen hatte keine Erfahrungen mit dem Bau von befestigten Landstraßen. Darum holte man einen schlesischen Wegebaumeister nach Berlin. Bekannt waren die Chauseen in dem damals österreichischen Schlesien. Die Chauseen wurden damals als Kunststraße bezeichnet. Erst nach der napoleonischen Zeit setzte sich der französische Name Chausee durch. 

Kunststraßen bestanden aus dem Fahrdamm mit einem Unterbau aus Schottersteinen und Kies. Die Fahrbahndecke hatte eine leichte Wölbung, wodurch Regenwasser abgeleitet wurde. Neben dem Fahrdamm war ein unbefestigter Sommerweg als Reitweg, der meist nur bei trockenem Wetter benutzbar war. Ich erinnere mich, dass die Landstraße in meinem Heimatdorf Giesen vor ihrem Ausbau auch noch einen Sommerweg hatte. 

Neben dem Straßendamm wurde eine Allee mit Pyramidenpappeln gepflanzt, die 1880 durch die namensgebenden Eichen ersetzt wurden. Für die Unterhaltung der Chausee wurde ab 1796 ein Wegezoll erhoben (bis 1875). Entlang der Strecke wurden Häuser für die Straßenwärter und Zolleinnehmer gebaut (die nicht mehr erhalten sind). Die Eichen prägen noch immer das Bild der Straße. Bei dem Ausbau wurden die neuen Fahrbahnen in einigen Abschnitten links und rechts der Eichenallee angelegt und die alte Chausee zwischen den Eichenbäumen als Grünstreifen erhalten. 

Parallel zu der Chaussee wurde die Trasse der Berlin-Potsdamer-Eisenbahn gebaut und 1838 eröffnet. Es war die erste Eisenbahnstrecke Preußens. Der Berliner Bahnhof lag vor dem Potsdamer Tor der Berliner Zollmauer (heute der Potsdamer Platz, die Torhäuser wurden im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört, Reste des südlichen Torhauses wurden beim Bau der Berliner Mauer eingeebnet). 

Die Drakestraße (nach dem Bildhauer Friedrich Drake benannt, er schuf die Viktoria auf der Siegessäule) wird nach der Kreuzung der Straße Unter den Eichen von der „Habelschwerdter Allee“ abgelöste, die auf die Thieleallee stößt. Die Straßen wurden im Zuge der Wohnbau-Erschließung der landwirtschaftlichen Flächen der Domäne Dahlem angelegt. Es ist heute der Villen-Ortsteil Dahlem. Die Habelschwerdter Allee war bis 1937 die „Werderstraße“ und erhielt im Zuge von Straßenumbenennungen den Namen einer Kreisstadt in Niederschlesien. 

An der Habelschwerdter Allee sind mehrere Gebäude der FU Freie Universität (2). So die sogenannte Rostlaube des Universitätscampus auf einem früheren Versuchsgelände für Obstbau, das bei der Bebauung der Domäne Dahlem für Universitätseinrichtungen freigehalten wurde, wie auch andere Grundstücke für einen damals schon geplanten Wissenschaftscampus.

Siehe „Stadtwanderung Thielepark und mehr“ – Link zum Beitrag

An der Habelschwedter Allee (Nr. 16). hat die Schwiegertochter von Richard Wagner, Winifred Wagner (1897- 1980) in jungen Jahren gelebt. Winifred Wagner, geb. Williams, wurde in England geboren und kam mit 10 Jahren als Waise zu entfernten Verwandten, dem Ehepaar Klindworth, von denen sie adoptiert wurde, nach Berlin. Eine Zeit lang lebte sie in Hannover bei Verwandten des in Hannover geborenen Karl Klindworth, um Deutsch zu lernen. Danach war sie in einem Internat in Helmstedt, später in Eberswalde und schließlich kam sie 1913 in die Kgl. Augustaschule in Berlin. Als 17-Jährige besuchte sie mit ihrem Adoptivvater, ein Wagner-Fan, erstmals Bayreuth und lernte ihren späteren Mann, Siegfried Wagner, kennen.

Karl Klindworth war von 1884 bis 1886 Leiter der Berliner Philharmoniker. Die von Klindworth zusammen mit Xaver Scharwenka gegründete Musikschule, das Conservatorium der Musik und Opernschule Klindworth-Scharwenka, hatte 1905 bis 1908 ihren Sitz in der Steglitzer Straße, die später der Gardeschützenweg wurde. 

Von dem Rittergut Domäne Dahlem (3) blieb nur der Wirtschaftshof mit dem Herrenhaus an der Königin-Luise-Straße und eine Ackerfläche nördlich davon übrig. Beides ist jetzt das Freilichtmuseum Dahlem mit einem Bioland-Betrieb. Die landwirtschaftlichen Flächen des Museums werden von dem Franz-Grothe-Weg (parallel zur offenen U-Bahn-Trasse) im Osten und der Pacelliallee im Westen begrenzt., nördlich ist die Straße Im Dohl, südlich die Königin-Luise-Straße. 

Für das Wochenende war ein Herbstmarkt angekündigt. Seit 40 Jahren werden alljährlich Marktfeste und andere Ereignisse gefeiert. Wir wollten uns den Herbstmarkt ansehen. Aber wir hatten nicht damit gerechnet, dass das auch viele andere Berliner vorhatten. Eine Warteschlange über den Hof und weit an der Königin-Luise-Straße entlang. Im Hof ein Gewusel von Besuchern. Das waren uns entschieden zu viel Menschen auf einem Fleck. Also beschlossen wir, an der Außenseite um die Domäne herum zu gehen. 


***

Ein Nachtrag:
Eine Woche späte sind wir noch einmal zur Domäne gegangen und haben den "Innenrundgang" nachgeholt. Ganz entspannt und mit nur wenigen anderen Spaziergängern.

Das Gutshaus der Domäne
mit dem Allianz-Wappen über der Tür,
die Wappen von Cuno Hans von Wilmersdorff
und seiner Frau Katharina Elisabeth von Hake.
In dem Haus ist heute das Domänen-Museum. 
Bei unserem Besuch war es wegen Umbauarbeiten geschlossen.

Cuno Hans von Wilmersdorff erwarb 1661 das Dorf und das Gut Wilmersdorff. Das Gutshaus wurde bereits 1560 errichtet.  Neben diesem Gut besaß die Familie noch weitere Dörfer und Güter u. a. in  Teltow, Schmargendorf und Schönow. 1802 erlosch die Familie im Mannesstamm und der Besitz Wilmersdorff ging an die Familie von Bredow. Spätere Eigentümer verkauften das Gut 1841 an den preußischen Staat. Das Gut wurde Staatsdomäne.
Um 1901 begann man dann, die nahe der Hauptstadt liegenden großen Acker-, Weide- und Waldflächen in Bauland umzuwandeln. Ein Teil wurde für öffentliche Aufgaben – vor allem Wissenschaft und Forschung –  freigehalten.

Der ehemalige Pferdestall

Schmuckstücke
Alte Handwerke werden in den Räumen der Domäne ausgestellt und vorgeführt: eine Hofschmiede, Töpferei und Keramikwerkstatt, Möbelrestaurierung.

Die Weiß- und Rotkohlfelder waren schon abgeerntet.
Das Landgut ist ein anerkannter Bio-Landbetrieb.

Auch Raben schmecken die Sonnenblumen-Kerne

Ein Reiher wartet - vielleicht auf einen Frosch?

Deutsche Sattelschweine, eine alte Landschweinrasse.
Schweine, Pferde, Kühe, Schafe und Hühner leben auf dem Landgut.

Einen Misthaufen gibt es auch - mitten in der Stadt

***

Gegenüber der Domäne Dahlem befindet sich auf der anderen Seite der Königin-Luise-Straße der „Alte Krug Dahlem(3). Das Dorfgasthaus mit deutscher Küche und Biergarten geht auf das 1865 errichtete Wohnhaus des Milchpächters der Domäne Dahlem zurück.

Milchpächter verarbeiteten von Landwirten bezogene Milch. Einer der größten Milchpächter Berlins in der damaligen Zeit war die Bolle-Meierei (ab 1879 in Alt-Moabit), die täglich 60.000 Liter sogenannte Bahnmilch verarbeitete (Bahnmilch war die mit der Bahn nach Berlin gebrachte Milch, in der weitesten Entfernung 160 Kilometer aus der Provinz Posen. Achsenmilch wurde auf dem Landweg nach Berlin gebracht).  Die meiste Milch wurde von Bolle als Vollmilch, Rahm, Magermilch und Buttermilch verkauft. Etwas mehr als ein Zehntel wurde verbuttert oder verkäst. 

Ob der Milchpächter im Alten Krug die Milch in der Molkerei des Gutes Dahlem verarbeitet hat, oder nur ein Milchhändler war, ist nicht ganz klar. Der Inhaber des Alten Krugs wird auch als Milchhändler bezeichnet. Sicher ist, dass die Domäne Dahlem auch nach der Aufteilung der Ländereien noch einen Milchbetrieb hatte (bis 1976). 

Der Milchpächter (oder Milchhändler) im Alten Krug besaß auch eine Schankerlaubnis mit einem Schankbetrieb, der aber nicht sehr groß war. Das änderte sich wohl, nachdem der Feld- und Waldweg ab 1889 zwischen Steglitz und dem Jagdschloss Grunewald gepflastert wurde, die heutige Königin-Luise-Straße. 

Wir gehen auf dem Franz-Grothe-Weg bis zum Ende der landwirtschaftlichen Flächen in der Nähe der U-Bahn-Station Podbielskiallee. Parallel zu dem Weg verlaufen die Bahntrasse der U3 und die Archivstraße. 

Franz Grothe ist ein in Berlin geborener Komponist. In der Fernsehsendung „Zum Blauen Bock“ war er der musikalische Leiter. 

Die Bahntrasse der U 3 wurde durch die „Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin“, eine Tochtergesellschaft von „Siemens & Halske“ (heute Siemens AG) mit Unterstützung der Kommission zur Umwandlung der Domäne Dahlem angelegt. 

Die Archivstraße wurde als Erschließungsstraße 35b durch die Kommission zur Aufteilung der Domäne Dahlem 1910 bis 1919 gebaut. Benannt wurde sie nach dem 1915 bis 1923 an der Straße gebauten „Geheimen Preußischen Staatsarchiv“. 

Das auf der ehemaligen Domänenfläche errichtete Preußische Geheime Staatsarchiv (4) gehört heute zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Sammlungen, Bibliotheken und Archive des preußischen Staates, z.B. die Staatsbibliothek zu Berlin. Nicht zu verwechseln mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Berlin-Brandenburg). Es ist eines der größeren deutschen Staatsarchive mit Dokumenten der Mark Brandenburg und Preußens. 

Das Staatsarchiv geht zurück auf die Residenzstadt Berlin-Cölln ab 1415. Die bis dahin an verschiedenen Orten gelagerten markgräflichen und kurfürstlichen Urkunden (u.a. in Tangermünde und Brandenburg an der Havel) wurden im Grauen Kloster in Berlin und später im Berliner Stadtschloss gesammelt und dann in das neue Staatsarchiv überführt. Ein Hauptteil der Aktenbestände dokumentierte die Arbeit des Geheimen Rates, der ab 1604 den Kurfürsten beriet und in Abwesenheit vertrat. 

Bei der Planung eines Wissenschaftsstandortes Dahlem auf dem Gelände des aufgelassenen Rittergutes (durch den Ministerialdirektor im Kultusministerium Friedrich Althoff – siehe "Das Domänenland wird ein Villenviertel" - Link zum Beitrag) wurde auch eine Fläche für einen Archiv-Neubau vorgesehen, in Nachbarschaft zu den geplanten Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Der Neubau des Staatsarchivs wurde durch den 1. Weltkrieg unterbrochen und 1919 vollendet. 

Während des 2. Weltkriegs wurden Archivbestände in die Salzbergwerke in Schönebeck und Staßfurt verlagert. Nach Ende des Kriegs verbrachte die DDR-Regierung die Akten nach Merseburg (Gebäude der damaligen Landesversicherungsanstalt), soweit sie nicht von der Sowjetarmee in die Sowjetunion gebracht wurden. 

In West-Berlin wurde in dem Gebäude des Staatsarchivs zunächst das Berliner Landesarchiv untergebracht. Mit Gründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1957 ging das verbliebene Archivgut an die Stiftung über. Aus dem Archivlager Göttingen wurden die dort gesicherten Bestände des Staatsarchivs Königsberg überführt. Die Bestände der DDR in Merseburg gingen nach der Wiedervereinigung ebenfalls an das Staatsarchiv in Berlin. 

Die Straße Im Dol (5) verbindet die Podbielskiallee mit der Pacelliallee und verläuft dann weiter bis zur Clayallee. Sie wurde im Rahmen der Erschließung des Domänen-Gebietes angelegt. Die Grundstücke südlich der Straße grenzen an die der Domäne Dahlem verbliebenen landwirtschaftlichen Flächen. Nördlich ist der Messelpark (6), durch den wir bis zur Pacelliallee gehen. Sie ist die östliche Grenze der Domäne Dahlem. 

In der Straße im Dol (5) wohnte der CDU-Politiker Peter Kittelmann. Er war mein erster Kontakt in der CDU, als ich nach Berlin gekommen war. Ich habe mich damals in seinem Ortsverband sehr wohl gefühlt. Peter Kittelmann war in seinem Leben Bezirksstadtrat, Mitglied des Abgeordnetenhauses, Bundestagsabgeordneter, Mitglied im Europaparlament. Zusammen mit Eberhard Diepgen und Klaus-Rüdiger Landowsky war er der maßgebliche Politiker, der die CDU in seiner Zeit zur führenden politischen Kraft in Berlin gemacht hat. Er starb 2003 mit 66 Jahren. 

Die Podbielskiallee (5) ist nach einem Gutsbesitzer und preußischen Landwirtschaftsminister benannt. Seine Ehrung erfolgte aber eher wegen seiner Bemühungen als Präsident des Deutschen Reichsausschusses für die Olympischen Spiele, diese 1916 nach Deutschland zu holen. Das gelang wegen des ersten Weltkrieges nicht, es dauerte noch 20 Jahre, bis 1936 die Olympiade in Berlin stattfand.  Als Landwirtschaftsminister musste er nach 5 Jahren zurücktreten, weil er in eine Bestechung verwickelt war. Sein Gut lieferte die Butter für die Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). 

Der Messel-Park (6) ist nach dem Architekten Alfred Messel (1853 – 1909) benannt. Er entwarf u.a. das Wertheim-Kaufhaus an der Leipziger Straße (im Krieg zerstört, nur der Tresor-Raum blieb bestehen, 1991 bis 2005 von einem Techno-Club genutzt).

Ein Bruder von Alfred Messel ging Ende der 1870er Jahre nach Großbritannien. Ein Nachfahre dieses Familienzweigs war Lord Snowdon, ein britischer Fotograf und Ehemann von Prinzessin Margaret, der Schwester der englischen Königin. 

Die Pacelliallee (7) ist nach dem Apostolischen Nuntius (Vertreter des Papstes beim Deutschen Reich), Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., benannt. 

Auf der Pacelliallee kommen wir an der ehemaligen Dienstvilla von Außenminister Genscher (8) vorbei. Von 1949 bis 1990 war die Villa Wohnsitz des amerikanischen Stadtkommandanten. Davor war sie von der Sowjetarmee, die nach Kriegsende 1945 kurze Zeit ganz Berlin besetzt hatte, für einen ihrer Generale beschlagnahmt worden und danach durfte der erste Kultusminister der DDR, Johannes Becher, dort wohnen. Gebaut wurde die Villa 1914 für den Generaldirektor der Deutschen Bank Emil Georg von Stauß. Seit 2008 ist die Villa in Privatbesitz. Stauß beförderte u.a. den Zusammenschluss der Daimler-Motoren-Gesellschaft mit der Bernz & Cie. zur Daimler Benz AG.

Die Stauß-Villa

Von Becher stammt der Text der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“. Die Melodie komponierte der österreichische Komponist Hanns Eisler, der nach dem Weltkrieg als Kommunist in der DDR lebte. 

Neben der Stauß-Villa residiert das Studien Center Berlin der Stanford Universität (9). Die Universität ist eine der renommiertesten amerikanischen Universitäten. Die erste Verbindung zur Universität in Berlin entstand in den 1950er Jahren, als Studenten der Universität in Kalifornien Bücher für die neu gegründeten Freien Universität spendeten. 1975 wurde ein Campus in Räumen der FU eröffnet. 2000 erwarb die Universität das Haus Cramer vom Berliner Senat, das ihr 1977 für den Campus zur Verfügung gestellt wurde. Die Villa Cramer war 1912 von der Familie Cramer gebaut worden, die kurz vor der NS-Machtübernahme 1933 in die USA emigrierte. 

Gegenüber der Stauss-Villa ließ sich der Textilunternehmer Richard Semmel 1925/1926 sein Landhaus in Dahlem (10) bauen. Er konnte es nur kurze Zeit bewohnen. Als Jude und Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (Mitglieder waren u.a. Walther Rathenau, Marie-Elisabeth Lüders und Theodor Heuss) musste er aus Deutschland fliehen und seinen Besitz unter Wert verkaufen. Käufer war Wilhelm Kühne (Karl Kühne KG – Essig und Lebensmittelkonserven). Heute residiert die Iranische Botschaft in dem ehemals jüdischen Haus. 

Wir gehen auf der Pacelliallee an der Domäne Dahlem entlang, bis zur Königin-Luise-Straße und dem Eingang zur Domäne. Danach gehen wir nicht, wie wir gekommen sind, die Thielallee zurück, sondern nehmen die Fabeckstraße (11) quer durch das Universitäts-Quartier. Den Namen erhielt die Straße im Zusammenhang mit dem Gardeschützen-Bataillon am heutigen Gardeschützenweg in Lichterfelde-West. Fabeck war ein Kommandeur der Gardeschützen. An der Fabeckstraße sind mehrere Institutsgebäude der FU, u.a. die „Holzlaube(14) (an der „Rostlaube“ sind wir auf dem Hinweg vorbeigekommen), und andere öffentliche Einrichtungen, wie das Museum Europäischer Kulturen (15) (Es ist das in Dahlem verbliebene Museum des ehemals größeren Museumszentrums, das nach der Teilung Berlins hier entstand.  Einige Museumsteile sind in das Humboldt-Forum im ehemaligen Berliner Stadtschloss verlagert worden). 

Auch die Rückansicht des U-Bahnhofs Dahlem ist hübsch (12)

Die "Holzlaube" der FU (14)

Ein hässlicher Beton-Anbau:
Museum Europäischer Kulturen (13)

An der Kreuzung Fabeckstraße/Altensteinstraße kommen wir am Altensteiner Krug vorbei, ein Landgasthaus mit guter Küche, wir waren schon öfter dort. An der Altensteinstraße (15) hatte der Nobelpreisträger Otto Hahn sein Wohnhaus (1928 bis 1944) (16). Jetzt gehört es zur FU. 

Erinnerung an Otto Hahn (16)

Der Name der Altensteinstraße geht auf den Freiherrn vom Stein zum Altenstein zurück. Er war ein Mitarbeiter des preußischen Staatskanzlers von Hardenberg und 1817 preußischer Kultusminister. Er reformierte das Schulwesen und schuf das Humanistische Gymnasium und das heute noch bestehende mehrgliedrige Schulsystem mit der Grundschule und weiterführenden Schulen. Die Gründung der Universität Bonn geht auf ihn zurück. 

Die Altensteinstraße stößt auf die Habelschwerdter Allee und die geht nach der Kreuzung der Straße Unter den Eichen in die Drakestraße über. Wir sind wieder zu Haus.

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 Stadtwanderung  Thielpark und mehr

Nicht weit von uns reihen sich vier kleine Seen in einem Grünzug hintereinander. Das war heute unser Ziel.

Von der Drakestraße kommen wir auf die Habelschwerdter Allee. An beiden Straßen sind zwei italienische Restaurants, die sich von den üblichen „Italienern“ absetzten und die wir gern besuchen (wenn wir nicht selber kochen wollen, meistens wollen wir). An der Drakestraße ist es die Enoteca Vecchio Molino und an der Habelschwerdter Allee ist es La Favorita. Beide mit exzellenter Küche und hervorragenden Weinen.

Ein Park in einer eiszeitlichen Rinne

Kurz hinter dem La Favorita beginnt auf der linken Straßenseite der Triest-Park in einer eiszeitlichen Rinne, die bis zur Clayallee reicht.

Es gibt mehrere eiszeitliche Rinnen. Berlin liegt im sogen. Berliner Urstromtal. Das ist ein Teil des Warschau-Berliner Urstromtals, das in das Elbe-Urstromtal mündet. Entstanden sind die Urstromtäler nach der Weichsel-Kaltzeit vor gut 20.000 Jahren durch das Abfließen der Schmelzwasser von Gletschern, die sich von Großbritannien bis zum nördlichen Ural erstreckten. Im Berliner Urstromtal fließt die Spree, die auf die Havelniederung trifft, einer weiteren größeren glazialen Rinne. Daneben gibt es im Berliner Raum kleinere Rinnen, wie die Grunewald-Seenkette mit dem Schlachtensee, eine schmalere Rinne mit dem Waldsee und dem Buschgraben in Zehlendorf, und die Rinne, in der sich der Triestpark und der Thielpark befinden.

Das Domänenland wird ein Villenviertel

Diese eiszeitliche Rinne wurde nach der Auflösung der Königlichen Domäne Dahlem zu einer Parklandschaft umgestaltet.  Um 1900 entstanden Pläne, neue Wohnbaugebiete für die wachsende Großstadt Berlin zu schaffen. Zu den ins Auge gefassten Gebieten gehörte auch die Domäne Dahlem. 1901, nach Ablauf des letzten Pachtvertrages, trat das Gesetz zur Aufteilung des Domänengeländes in Kraft. Es wurde eine Aufteilungskommission gebildet, deren Vorsitzender Hugo Thiel, Ministerialdirektor im preußischen Landwirtschaftsministerium, wurde. Die Kommission entschied, die Entwicklungsflächen selber zu vermarkten, um den höheren Gewinn für den Staat zu erzielen und nicht privaten Entwicklern zu überlassen. Zwischen 1901 und 1915 entstanden über 500 Grundstücke. Die Käufer waren verpflichtet, innerhalb von zwei Jahren ein villenartiges Gebäude zu errichten. Das Villenviertel Dahlem entstand. Daneben wurden große Flächen auf Intervention Kaiser Wilhelm II. für Staatsbauten reserviert, wohl auf Anraten von Friedrich Althoff (s.u.).

Die Villa Huth gegenüber dem Thielpark (14)
Beispiel einer Villa in Dahlem
Sie wurde 1917 für den Gründer der „Albatros-Werke“ (Flugzeugwerk) in Berlin-Johannisthal fertiggestellt. Die Nachbargrundstücke waren damals noch weitgehend unbebaut. Zu Beginn der 1950er Jahre kaufte die FU das Gebäude.

Ab 1902 wurden die bekannten Straßen angelegt: Rheinbabenallee, Podbielskiallee, Altensteinstraße, Habelschwerdter Allee usw. Dass einige Straßen heute einen breiten, begrünten Mittelstreifen haben (so z.B. die Pacelliallee und die Habelschwerdter Allee), ist Kaiser Wilhelm II. zu verdanken. Er wollte einen Anmarschweg für das Garde-Schützen-Bataillon zu den Schießplätzen im Grunewald haben. Das Bataillon war seit 1884 in der Gardeschützenkaserne in der von Carstenn entwickelten Villenkolonie Groß-Lichterfelde  kaserniert (in deren Nähe wir wohnen).

Der Thielpark

Der Taleinschnitt mit seinen Hügeln und Senken ließ sich anders als die Acker- und Weideflächen der Domäne nur schwer vermarkten. Bei der Ausweisung der Villengrundstücke wurde darum die Talfläche als Park ausgewiesen. Die Teiche der Parkanlage wurden künstlich angelegt: Triestparkteich (2), Studententeich (5), Schwarzer Grundteich (8), Thielparkteich (9), Schilfteich (11).

Schwarzer Grund Teich (8)

Thielparkteich (9)

Benannt wurde der Park nach Hugo Thiel (1839 – 1918). Thiel war Professor für Agrarwissenschaften, bevor er Geheimer Regierungsrat und später Ministerialdirektor im Preußischen Landwirtschaftsministerium wurde. Er war Mitglied des Reichstags (1874 – 1877) und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses (1873 – 1878). Ab 1901 war er Vorsitzender der Aufteilungskommission für die Domäne Dahlem.

Der Reichstag des Deutschen Reiches bestand von 1871 (Gründung des Kaiserreichs in Versailles) bis zur Novemberrevolution 1918 (Ausrufung der Republik). Die Abgeordneten des Reichstags wurden in gleicher und geheimer Wahl gewählt, allerdings nur von den Männern ab 25 Jahren (das Frauenwahlrecht wurde erst nach der Novemberrevolution für die Wahlen zum Reichstag der Weimarer Republik eingeführt).

Das Preußische Abgeordnetenhaus war von 1849 bis 1918 die Zweite Kammer des Preußischen Landtags, neben dem Herrenhaus. Gewählt wurde noch bis 1918 nach dem Dreiklassen-Wahlrecht in Abhängigkeit von der Steuerleistung. Es war eine indirekte Wahl. In der Urwahl wählten die Bürger Wahlmänner, die ihrerseits die Abgeordneten wählten. Das Wahlrecht bevorzugte die Bürger mit hohem Einkommen, die einen unverhältnismäßig höheren Anteil an Abgeordneten hatten. So konnten 1913 rd. 190.000 Urwähler in der 1. Klasse ein Drittel der Abgeordneten bestimmen, rd. 1.990.000 Urwähler in der 3. Klasse bekamen auch nur ein Drittel der Abgeordneten. 

Der durchgängige Grünstreifen zwischen Habelschwerdter Allee und der Clayallee wurde durch Erschließungsstraßen unterbrochen und die Teilstücke erhielten eigene Parknamen. Wir gehen zunächst durch den Triestpark (2), der ausweislich einer Informationstafel 1963 so nach der italienischen Stadt Triest benannt wurde. Nach der Thielallee kommt der Zehner Park (3) und dann der Pompinius Park  (5) (Namensgeber der beiden Parks?). Die Trogstrecke der U-Bahn durchschneidet den Park.

Pompinius Park (5)

Jesus-Christus-Kirche Dahlem (4)
(zwischen Zehner Park und Pompinius Park)
Durch die Entwicklung der Domänenflächen vervielfachte sich die Bevölkerungszahl. Die mittelalterliche Dahlemer Dorfkirche St. Annen neben den Domänengebäuden wurde zu klein. Darum wurde 1914 der Neubau einer Kirche beschlossen. Wegen des Beginns des 1. Weltkrieges verzögerte sich der Baubeginn, danach kam die Weltwirtschaftskrise. So wurde die neue Kirche erst 1932 eingeweiht und mit vier Bronzeglocken ausgestattet. Die läuteten aber nicht lange. Im folgenden 2. Weltkrieg wurden sie beschlagnahmt und für die Kriegsproduktion eingeschmolzen.
Die Architektur der Kirche verschaffte ihr eine hervorragende Raumakustik. Die Berliner Philharmoniker, Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan, internationale Solisten wie Anne-Sophie Mutter und Lang Lang nutzten den Kirchenraum als Tonstudio für Aufzeichnungen.

Bis hierhin sind wir bei unserem ersten Spaziergang nach Rückkehr aus unserem Winterquartier Teneriffa gekommen, siehe: Berliner Stadtspaziergang – Link zum Bericht). 

U-Bahn Station Freie Universität (6)

Den Übergang zum nächsten Parkteil bildet die nach der Freien Universität benannte U-Bahnstation (6).  An dem Stationsgebäude ist aber der alte Name „Thiel Platz“ geblieben.  Die Bahnstrecke wurde 1913 eröffnet und führte zunächst nur bis zum Thiel Platz als Endhaltestelle. Sie sollte die in Dahlem gelegenen Kaiser-Wilhelm-Institute mit dem Stadtzentrum verbinden. Der Parkabschnitt danach hat den ursprünglichen Namen Thielpark behalten, verläuft ein Stück nach Norden und knickt dann nach Westen zur Clayallee ab (7).

Wissenschaftscampus und Freie Universität

Wir gehen am Ende des Thielparks auf der gegenüberliegenden Wegstrecke bis zur Thielallee zurück und dann zur Habelschwerdter Allee. Hier entstand nach 1945 auf einem bis dahin noch nicht bebauten Versuchsgelände für Obstbau der Universitätscampus der Freien Universität Berlin. Ein markantes Gebäude ist die ab 1967 errichtete „Rostlaube(15). Als Fassadenmaterial wählte man eine neu entwickelte Stahllegierung, die nach kurzer Korrosionszeit eine stabile Rostpatina als wartungsfreie Schutzschicht bilden sollte. Das funktionierte allerdings nicht richtig, so dass um das Jahr 2000 die Stahlplatten der Fassade gegen Kupferblech ausgetauscht wurden, die Rostlaube also eine Kupferlaube wurde.  Andere markante Gebäude sind die Silberlaube (mit einer Fassade aus Aluminiumblech) und die Holzlaube (mit einer Fassade aus Zedernholz). 

Die "Rostlaube", die jetzt eigentlich eine "Kupferlaube" ist (15)

Dass die FU Freie Universität 1948 als Alternative zu der unter sowjetischer Kontrolle stehenden Berliner Universität in Berlin-Mitte in Dahlem errichtet wurde, ist nicht zufällig. Bereits mit der Entwicklung der Domäne Dahlem zu einer Villenkolonie wurden Freiflächen eingeplant. Bereits nach 1900 war damit begonnen worden, wissenschaftliche Institute oder Ämter des preußischen Staates, neue Museen und Teile der Universität Berlin nach Dahlem zu verlagern oder neu zu errichten. Die FU konnte mehrere in Dahlem gelegene Gebäude der Berliner Universität übernehmen.  Außerdem stellte die Max-Planck-Gesellschaft die Insti­tutsgebäude der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Dahlem zur Verfügung. Zur Unterbringung von Instituten wurden zusätzlich Villen gemietet und gekauft, die auch heute noch genutzt werden.

Zu den nach 1900 gegründeten Einrichtungen  gehören der Botanische Garten mit dem Botanischen Museum (1903 eröffnet, Unter den Eichen – Königin-Luise-Straße), die Bakteriologische Abteilung des Kaiserlichen Gesundheitsamtes (1903, heute Umweltbundesamt, Thielallee), die Königliche Landesanstalt für Wasserhygiene (1913 eröffnet, Corrensplatz in Dahlem, heute eine Abteilung des Bundesumweltamtes), die Königliche Gartenlehranstalt (1903,  heute das Gartencenter „Königliche Gartenakademie“  an der Altensteinstraße und das Institut für Lebensmitteltechnologie der TU Technische Universität an der Königin-Luise-Straße), die Königliche Landwirtschaftliche Hochschule (ab 1921 am Albrecht-Thaer-Weg errichtet, heute das Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der HU Humboldt Universität) und das Preußische Geheime Staatsarchiv (1924 eröffnet, heute Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz an der Archivstraße).

Institut für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie der TU
(Foto eines früheren Spaziergangs)
Zwei Institute in Dahlem gehören nicht zur FU,
das Institut für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie der TU
und das Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der HU

Die Idee zur Schaffung eines Wissenschaftsstandortes Dahlem stammt von Friedrich Althoff (1839 – 1908). Er diente fünf Ministern der Preußischen Regierung und prägte in der Zeit die Kulturpolitik Preußens. Er war maßgeblich an der Gründung der Reichs-Universität Straßburg beteiligt, später am Aufbau der Universität Münster, der Königlichen Akademie Posen, der Technischen Hochschulen in Danzig und Breslau. Die Universität Berlin wurde von 38 auf 81 Institute ausgebaut. Die Universität Göttingen konnte führendes Zentrum für Mathematik und Physik werden. Für den Neu- und Umbau der Charité besorgte Althoff sich die Finanzmittel, die ihm der Finanzminister verweigerte, durch Verlagerung des Botanischen Gartens nach Dahlem und Veräußerung der innerstädtischen Grundstücke.

Großes Gewächshaus im Botanischen Garten
(Foto eines früheren Spaziergangs)

1911 wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gegründet. Nachfolgerin ist die 1948 gegründete Max-Planck-Gesellschaft. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft eröffnete 1929 das Harnack-Haus als Gästehaus an der Ihnestraße (heute eine Tagungsstätte der Max-Planck-Gesellschaft). Adolf von Harnack gab den Anstoß zur Gründung der Gesellschaft und war deren erster Präsident. Auf die Gesellschaft geht die Gründung mehrerer Institute in Dahlem zurück: Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie (1912 wurde das Institutsgebäude errichtet, heute ist dort der Hahn-Meitner-Bau an der Thielallee). Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie (1912 wurde das Institutsgebäude eröffnet, heute das Fritz-Haber-Institut am Faradayweg). 

Wir kommen in der Habelschwerdter Allee noch an einem Neubau des Instituts für Philosophie (16) vorbei. Die auffallende und interessante Architektur stammt von dem Architektenpaar Inken und Hinrich Baller. Baller hat mehrere Gebäude in Berlin mit einem unverkennbaren Baller-Architekturstil entworfen, Stahl, Beton und Glas in meist geschwungenen Linien. Auch für die GSW, deren Geschäftsführer ich in meiner Berliner Zeit war, hat Baller Wohngebäude entworfen, schön anzusehen, aber oft mit hohen Instandhaltungs- und Reparaturkosten verbunden. 

Das "Baller-Gebäude" des Philosophischen Instituts

Stadtwanderung Thielpark - 5 Kilometer


Eine ungewöhnliche „Entdeckung“ machen wir noch an dem Haus Ecke Habelschwerdter Allee/Altensteinstraße. Am Eingang des frisch renovierten Hauses prangt ein blankes Messingschild „Saudi Arabisches Militärbüro“ (17)Was ist dessen Aufgabe? Im Internet ist zu lesen, dass Deutschland einzelne (drei bis fünf) Offiziere der Saudis ausbildet. Auch kauft Saudi Arabien Waffen und Militärausrüstung in Deutschland ein (im letzten Jahr wurde die Lieferung von 150 Flugabwehrraketen genehmigt). Dafür eine Militärvertretung mit Büro-Villa? Nicht viel größer als dieses Villengebäude sind andere Botschaften, zugegeben kleinerer Länder. An der Thielallee unweit es Thielparks sind es die Botschaften von Myanmar und gegenüber die Residenz des Slowenischen Botschafters (13)

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