Fahrradtour Umrundung Berlin
4. Teil: Staaken nach Kladow
15. September 2026
Der Berliner Mauerweg umrundet Westberlin auf dem ehemaligen Mauerstreifen der 1961 errichteten Sperrmauer zwischen Westberlin und der DDR sowie Ostberlins. Er umrundet den Westteil Berlins, die ehemaligen West-Sektoren der damals geteilten Stadt. Ich wollte die gesamte Stadt umfahren, auch den Ostteil Berlins.
Im letzten Jahr bin ich eine erste Teilstrecke von Lichterfelde-Süd bis nach Erkner gefahren. Die zweite Strecke war von Erkner bis Mühlenbeck im Norden Berlins. Den dritten Teil meiner Rad-Umrundung Berlins ab Mühlenbeck habe ich in Staaken an der Dorfkirche Alt Staaken beendet.
Dort, bzw. am Bahnhof Staaken beginnt jetzt der vierte Teil der Fahrradtour um Berlin.
Der Flugplatz Staaken war zunächst ein Produktionsort
für Zeppeline. 1915 erwarb die Luftschiffbau Zeppelin GmbH ein Gelände in
Staaken für die Herstellung von Militärluftschiffen. Die Luftschiffbau
Zeppelin GmbH war 1908 von Ferdinand Graf Zeppelin in Friedrichshafen
gegründet worden. Bis zum Ende des 1. Weltkriegs wurden in Staaken 12 Zeppeline gebaut.
Außerdem wurden sogen. Riesenflugzeuge (9 Stück) mit etwas über 40 Meter
Spannweite (der Airbus A 380 hat 80 Meter Spannweite) produziert, die u.a. für die
Bombardierung von London eingesetzt wurden.
Nach dem 1. Weltkrieg war die Produktion von Luftschiffen und Flugzeugen verboten. Der Flugplatz Staaken wurde für den zivilen Flugverkehr genutzt. Zwischen Friedrichshafen und Staaken wurde ein Zeppelin-Linienverkehr eingerichtet (600 Kilometer Distanz, 6 Stunden), der 1919 eingestellt wurde (1923 wurde der Flugplatz Tempelhof eröffnet).
1922 verlegte die Deutsche Luft-Reederei (Vorläufergesellschaft der Lufthansa) ihren Betrieb vom Flughafen Johannisthal nach Staaken. Ab Mitte der 1930er Jahre war Staaken die Hauptwerft und Großinstandsetzungsbetrieb der Lufthanse. 1925 wurde die Deutsche Verkehrsfliegerschule gegründet. Sie war eine getarnte Ausbildungsstätte für Fliegereinheiten der durch den Versailler Vertrag verbotenen Militärluftfahrt. 1925 wurde der Flugplatz-Tower (Zeppelin-Tower) gebaut. 1935 wurde die Luftwaffe der Wehrmacht offiziell gegründet. Nach dem 2. Weltkrieg übernahm die Sowjetarmee den Flugplatz und nutzte ihn bis 1953.
Zur gleichen Zeit wie der
Flugplatz wurde für die Angehörigen der Deutschen Verkehrsfliegerschule 1925 die
Siedlung Neu-Jerusalem gebaut. Der Name „Neu Jerusalem“ war
ursprünglich ein Spott-Name. Der kubische Baustil mit den weiß verputzten
Fassaden gefiel nicht und wurde als „Araberdorf“ oder „Vorort von Jerusalem“
verspottet.
Ich fahre auf der Heerstraße
bis zum ehemaligen Grenzübergang Staaken/Heerstraße. Die Mauer-Grenze stößt
hier von Norden kommend (Bergstraße) auf die Heerstraße.
Die Heerstraße führt von Spandau in die Stadt Berlin hinein. Einst
wurde sie 1874 als Chaussee von Charlottenburg nach Pichelsberg angelegt und
später als Aufmarschstraße für die Garderegimenter bis zum Übungsplatz
Döberitzer Heide ausgebaut.
Südlich der Heerstraß befindet
sich das Fort Hahneberg. Es lag zu DDR-Zeiten im Bereich der
Grenzsperranlagen und war bis zur Wiedervereinigung nicht zugänglich.
Fort Hahneberg wurde 1888, nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71), als Teil der Festung Spandau zum Schutz des Rüstungszentrums Spandau fertiggestellt. Es waren drei weitere Forts geplant, die aber wegen der Weiterentwicklung der Artilleriegranaten nutzlos geworden wären und darum nicht mehr realisiert wurden.
Das
Fort Hahneberg wurde bis 1945 als Kaserne und als Zentralarchiv für
Wehrmedizin genutzt. Die medizinischen Daten der Wehrpflichtigen wurden auf
Lochkarten erfasst und hier gelagert. Nach dem Weltkrieg wurden Teile der
Ziegelstein-Bauwerke abgebrochen und für den Wiederaufbau Berlins verwendet. Trümmerschutt und Bauschutt wurden auf den Hahneberg gekippt. Die Millionen Lochkarten mit medizinischen Daten sollen
als Heizmaterial verbrannt worden sein.
Der Grenzverlauf folgt der
Bundesstraße nach Süden bis zum Gutspark des Rittergutes Groß Glienicke
und stößt dann auf den Groß Glienicker See, in dessen Mitte der weitere
Grenzverlauf ist.
Westlich der Bundestraße und dem
ehemaligen Grenzverlauf liegt an der Havel der Spandauer Ortsteil Gatow
und der ehemalige britische Flugplatz. Während der Berlin-Blockade
1948/49 landeten hier die Frachtmaschinen (und in Tegel und in Tempelhof) und
brachten alle zum Überleben benötigten Güter in die eingeschlossene Stadt.
Gatow wurde 1935 als Militärflugplatz angelegt. Eine
der letzten Piloten, die 1945 von Gatow abflogen, waren Hanna Reitsch und Beate
Use. Hanna Reitsch flog den letzten Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe,
Ritter vom Greim, zum Führerbunker im eingeschlossenen Berlin (Greim löste
Hermann Göring für einige Tage ab, nachdem der von Hitler abgesetzt worden
war). Beate Use floh von Gatow aus nach Norddeutschland.
Gatow gehörte nach der Aufteilung Berlins in die vier Sektoren, wie auch Staaken, zum Gebiet des britischen Sektors. Da der Flughafen Gatow eine modernere Infrastruktur als der Flughafen Staaken besaß, bestimmte die britische Besatzungsmat Gatow als ihren Berliner Flughafen. Allerdings ragte die Einflugschneise auf das sowjetische Besatzungsgebiet. Die Briten tauschten darum das Gebiet von Groß Glienicke östlich des Sees, das ursprünglich zu Brandenburg gehörte und sowjetisches Besatzungsgebiet war, gegen das zum britischen Sektor gehörende westliche Staaken mit dem dortigen Zeppelin-Flugplatz.
Heute
ist auf dem Flugplatz eine Bundeswehr-Kaserne und das Militärhistorische Museum.
Ich fahre auf dem
Mauer-Radweg zum ehemaligen Rittergut
Groß Glienicke.
Groß
Glienicke ist heute ein Stadtteil von
Potsdam. Vor dem Weltkrieg war Groß Glienicke mit dem auf der Ostseite des Sees
gelegenen Teil (heute die Ortslage Groß-Glienicke des Spandauer Ortsteils
Kladow) eine selbständige Brandenburger Gemeinde. In Groß Glienicke war das
Adelsgeschlecht der von Ribbek ansässig (die Osthavelländische Linie,
die Westhavelländische Linie residierte auf Ribbek - von Theodor Fontane in
einem Gedicht verewigt). Epitaphien und Grabsteine der von Ribbek befinden sich
in der Dorfkirche.
Das Rittergut Groß Glienicke gehörte bis Ende des 18. Jahrhunderts den von Ribbek. Im 19. Jahrhundert erwarb der königliche Geheime Kanzleirat Friedrich Wilhelm Schwartze das Gut. Er ließ die Totenkapelle neben der Kirche bauen. Spätere Eigentümer waren die Familie Landefeld, die das Herrenhaus Schloss Glienicke bauten (das 1945 abbrannte) und den Landschaftspark anlegen ließen. Der westliche Zugang zum Park ist das Potsdamer Tor, der östliche Zugang ist das Spandauer Tor. Danach folgte Otto von Wollank, ein Berliner Tuch- und Seidenhändler, der das Gut 1890 erwarb. Er ließ ein Familien-Mausoleum in Sichtweite zum Herrenhaus errichten. Ebenfalls von Wollanke stammt das noch erhaltene Gebäude des Kinderheims für die Kinder des Gutes. Inzwischen sind große Teile des Parks mit Einfamilienhäusern bebaut.
Der Landschaftspark Groß Glienicke ist nicht zu verwechseln mit den Parks von Schloss Glienicke und dem Jagdschloss Glienicke in Klein Glienicke weiter südlich an der Havel. Im Norden von Berlin ist Glienicke/Nordbahn und in Treptow-Köpenick gibt es den Ortsteil Altglienicke. Der Name Glienicke ist abgeleitet von dem slawischen Wort für „glina“, Lehm oder Ton, und den gab es an mehreren Stellen in und um Berlin.
Hinter dem Rittergut verläuft der
Mauerweg am westlichen Ufer des Groß Glienicker Sees. Am See liegt der Potsdamer
Ortsteil Groß Glienicke, in dem die Patronatskirche des Rittergutes
erhalten ist.
Die Kirche aus dem 13. Jahrhundert wurde im 17. Jahrhundert von den von Ribbeck erneuert. In der Kirche sind Epitaphien der Familie von Ribbeck erhalten. Das Patronatsgestühl trägt die Wappen Otto von Wollanks. In der Gruft der Kirche stehen Särge der Patronatsfamilien, u.a. die der von Ribbek.
Im Süden des Groß Glienicker Sees
liegt der Sacrower See. Vor dem Sacrower See schwenkt die Grenze nach
Osten zur Havel. Die Flussmitte zur Pfaueninsel ist der weitere
Grenzverlauf. Ich fahre am Ufer der Havel, parallel zum Grenzverlauf in der Mitte des Sees, hinunter zum Schloss Sacrow
und der Heilandskirche Sacrow.
Auf dem Weg komme ich an einem neueren „historischen Ort“ vorbei. Das Haus der Stasi-Familie Kupfer in der Fernsehserie „Weißensee“ steht hier am Ufer der Havel. Es ist die Villa Perlis, die sich der Bankier Julius Perlis 1929 bauen ließ. Jetzt ist die Villa stark heruntgergekommen und wohl ein einfaches Wohnhaus.
Das Schloss Sacrow und die
Heilandskirche gehörten zur Ortschaft Sacrow, die zwischen dem Sacrower See und
der Havel liegt.
Die Heilandskirche ist Teil des Schlossparks Sacrow. König Wilhelm IV. von Preußen erwarb 1840 das Gut und Herrenhaus Sacrow. Er ließ das Herrenhaus zu einem Schloss erweitern und 1844 am Ufer der Havel die Heilandskirche im italienischen Stil, mit einem nebenstehenden Glockenturm (Campanile), errichten. Die Heilandskirche, der er den Namen „Sanctae Ecclesiae sanctissimi Salvatoris in portu sacro“ (Kirche des allerheiligsten Erlösers im heiligen Hafen) gab, ließ Wilhelm IV. nicht aus religiösen Gründen bauen. Sie sollte vielmehr das See-Panorama verschönern. Während der Deutschen Teilung lag die Heilandskriche unzugänglich im Sperrgebiet.
Schloss Sacrow geht
auf den Festungskommandanten der Zitadelle von Spandau, den schwedischen
Generalleutnant Johann Ludwig von Hordt (schwedischer Adel Hard af Segerstad) in preußischen Diensten zurück,
der das schon im Landbuch Kaiser Karls IV. erfasste Rittergut 1773 kaufte. Der
Name „Sacro“ ist von dem slawischen „za krowje“ (hinter dem Gebüsch)
abgeleitet.
Anfang des 19. Jahrhunderts
gehörten Gut und das Herrenhaus Schloss Sacrow einem Berliner Bankier. Er
stellte hier Essig und Bleizucker her.
Bleizucker
entsteht, wenn Blei in Essigsäure
aufgelöst wird. Eingedampft entstehen weiße Kristalle, die süß schmecken. Es
war ein billiger Zuckerersatz, der bis ins 19. Jahrhundert u.a. zum Süßen von
saurem Wein verbreitet, aber auch sehr giftig war. Die giftigen Rückstände der
Produktion wurden 2012 durch großflächigen Bodenaustausch beseitigt.
Von Sacrow fahre ich zurück zur Mauer-Grenze, die bei Kladow auf die Havel trifft. Gegenüber liegt die Pfaueninsel.
Kladow gehörte im 13. Jahrhundert dem Benediktinerinnen Kloster in Spandau. Nach der Reformation kam der Ort zum Amt Spandau.
Das Benediktinerinnen Kloster in Spandau war 1239 von den Markgrafen von Brandenburg gegründet worden. Sie wollten damit ein religiöses und kulturelles Zentrum für die Mittelmark schaffen. Durch Mitgiften bei Klostereintritten und Schenkungen wurde das Kloster reich. Zeitweilig gehörten 11 Dörfer dem Kloster (u.a. Lankwitz, Lübars, Gatow, Kladow, Tegel). In weiteren 55 Dörfern hatte es Teileigentum. Ferner gehörten dem Kloster mehrere Seen (u.a. Lietzensee, Groß Glienicker See, Jungfernsee), mit denen sie Fischwirtschaften betrieben. Nach der Reformation ging das Kloservermögen an das Amt Spandau.
Der Alchemist Johannes Kunkel erhielt das Gut Kladow 1685 zur Finanzierung seiner Versuche. Kunkel war zunächst als Chemist im Dienst des Sächsischen Kurfürsten. Der Brandenburger Kurfürst holte Kunkel nach Brandenburg, um Glas herzustellen. Er wurde Leiter der Glashütte in Potsdam-Drewitz und produzierte in einer Glashütte auf der Pfaueninsel das damals sehr wertvolle Goldrubinglas.
Mit der BVG-Fähre will ich von Kladow über die Havel nach Wannsee fahren. Zuvor wollte ich in Kladow noch den Landhausgarten Dr. Max Fraenkel, besuchen. Der ist allerdings nur am Wochenende geöffnet. Ich stand also wie bei dem Fort Hahneberg vor verschlossenem Tor.
Dr. Max Fraenkel war ein Berliner
Bankier. 1920 kauft Frankel den Garten am Schwemmenhorn an der
Havel, der 1912 für einen Unternehmer von der Gartenbaufirma Späth auf einem ehemaligen
Ziegeleigelände angelegt worden war. Er lässt den Garten von dem Berliner
Stadtgartendirektor Barth (der u.a. auch die Lietzensee-Anlage plante)
umgestalten. 1933 muss Fraenkel emigrieren, sein Besitz wurde enteignet. 1992
bekommt der Bezirk Spandau die Gartenanlage.
Mit der BVG-Fähre setze ich von
Kladow nach Wannsee über und fahren mit dem Rad zurück nach Lichterfelde-West.
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